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5./6.Kl. Kanufahrt 2009

Gemeinsam sind wir stark!
Unsere Stärke ist die Gemeinschaft!

Man stelle sich vor: Ende Juni um die Mittagszeit am Ufer des Allier, einem Nebenfluss der Loire in Frankreich, werden die Boote, sieben Kanadier und ein Kajak abgeladen, Paddel, Schwimmwesten, sowie wasserdichte Säcke und das private Gepäck daneben. Dahinter ein riesiger Haufen von Ausrüstungsgegenständen für die einwöchige Fahrt, wie Zelt, Isomatten, Kocher, Planen, Lebensmittel, viel Kleinkram und einige weiße Tonnen unterschiedlicher Größe zum Verstauen. Und dann noch elf Jungs und ein Mädchen im Alter zwischen zehn und zwölf Jahren mit ihren vier Betreuern.

Was jetzt?

Sogleich bricht ein erbitterter Kampf los um die vermeintlich besten Boote, die modernsten Schwimmwesten, die längsten Paddel und die erfahrensten Paddler. Noch auf der Wiese besetzen einige schon die Boote und wollen losfahren. 
Es dauert aber noch Stunden, bis alles Gepäck wasserdicht verpackt und gut verteilt in den Booten festgebunden ist, und bis alle Zweierteams so zusammengestellt sind, dass die Bootsbesatzungen mit den Schwierigkeiten, die sie erwarten, hoffentlich auch zurechtkommen werden. Dann werden die Autos weggefahren und die Boote zu Wasser gelassen.

Nach unseren Kanu-Erfahrungen der letzten Jahre auf Altmühl und Regen, haben wir uns diesmal viel vorgenommen: die Kinder fahren jeweils zu zweit in offenen Kanadiern ohne Erwachsene im Boot. Außerdem wird das gesamte Fahrtengepäck nicht in einem Begleitfahrzeug transportiert, sondern auf alle Boote verteilt mitgeführt.

Welche Herausforderung, was für ein Abenteuer! Sich mitten auf einem großen, unbekannten Fluss zurechtzufinden, umgeben von unberührter Wildnis, jeder Einzelne ist existenziell herausgefordert!

 

Zum Glück ist an der Einsetzstelle ein kleiner Seitenarm ohne Strömung, auf dem wir erst mal trainieren können. Was ist das Schwierigste am Kanufahren? Na, das Geradeausfahren! Obwohl wir zu Hause auf unserem Dorfweiher schon das Gleichgewicht-Halten und die besonderen Paddelschläge tüchtig geübt haben, fahren doch viele Boote immer die gleichen Kreise, nur mit unterschiedlichen Durchmessern. Von gewollten Kurven kann dabei aber nicht die Rede sein. Und wer ist schuld daran? Natürlich der Hintermann, oder die Vorderfrau, je nach Temperament und Charakter der Besatzung. Die voll beladenen Boote sind um einiges schwerfälliger als zu Hause. Auch die Schwimmweste hindert einen und überhaupt! „Warum muss ich mit diesem Idioten fahren, der vom Lenken soviel Ahnung hat, wie ein Schwein vom Skateboard fahren!" Einige machen immer wieder mehr oder weniger freundliche Bekanntschaft mit der Uferböschung oder den herunterhängenden Ästen der Bäume, was auch nicht zum friedlichen Miteinander der Paddler beiträgt.
Nach eineinhalb Stunden Zickzack- oder Rundkurs, viel Geschrei, Verzweiflung und einer Vesperpause geht es dann endlich los! Wir stürzen uns in die Fluten des Allier, nur mit den Booten natürlich!

Das Gute an einer flotten Strömung ist, dass man vorwärts kommt, ohne viel zu tun. Der Nachteil ist, dass man irgendwohin gespült wird, wo man gar nicht hin will. Im schlimmsten Fall in einen flachliegenden Baum im Wasser, eine so genannte „Baumleiche", und dann ganz unfreiwillig baden geht, wenn man nicht richtig reagiert. Zum Glück gibt es auf dem hier schon recht breiten Allier nicht allzu viele davon. Aber jetzt kommt es halt doch darauf an, wie man als Team zusammenarbeitet, also ob sich Vorder- und Hintermänner einig sind und wissen, was sie zur Kurskorrektur zu tun haben. Wenn einer immer nur brüllt: „Jetzt mach doch!" oder „Warum hast du nicht ...?", führt das meist nicht zum gewünschten Ergebnis.
Oft bleiben diese Boote einige hundert Meter hinter der Hauptgruppe zurück oder sie verschwinden sogar ganz hinter der letzten Flussbiegung.
Jetzt ist es an der Zeit für die Betreuer, da zu sein, Tipps und Anweisungen zu geben und gemeinsam mit den „Schiffbrüchigen", nach Lösungen zu forschen. Es dauert manchmal lange, bis sich ein Team gefunden, sprich zusammengerauft hat, bis alles ausprobiert worden ist: Vorne oder hinten paddeln? Rechte oder linke Seite? Wie gehen Steuer- und Korrekturschläge? Aber mit der Zeit bilden sich doch geübte Steuerhintermänner und ausdauerstarke „Frontmotoren" heraus. Mitunter müssen aber auch mal Besatzungen für einige Zeit getauscht werden.

Immer wieder berufen wir „Flusskonferenzen" ein, das heißt, alle Boote sammeln sich um ein vorderes Boot und halten sich aneinander fest, bis auch die weiter zurückgebliebenen wieder dazugestoßen sind und wir ein großes „Floß" bilden. Oft gilt es bei solchen Gelegenheiten, das nächste Etappenziel noch einmal ins Auge zu fassen und durch Ausgabe von Müsliriegeln neue Kräfte zu mobilisieren.

Die gleiche Zweierbesatzung fährt in der Regel immer einen Tag lang zusammen und bei der Neuverteilung am nächsten Tag wird angestrebt, dass jeder einmal mit jedem sowohl vorne als auch hinten fährt. Die Kinder erleben dabei, wie aus lauter Einzelkämpfern Teams werden, wie sich daraus die Gruppe formt und eine tragende Gemeinschaft aus Stärkeren und Schwächeren erwächst!

Zur „Belohnung" und auch als Entlastung haben wir noch ein Wander-Kajak dabei. Viele freuen sich schon sehr darauf, damit zu fahren, so ohne Gepäck und ganz ohne streitenden Mitfahrer. Manche haben sich aber zu früh gefreut, denn das Kajak macht am Anfang noch weniger das, was man von ihm will. Wie ein störrischer, uneinsichtiger Esel fährt es mal nach rechts, mal nach links, völlig unabhängig von den Paddelschlägen, die die Kinder machen. Das ist zum Verzweifeln: Und jetzt ist nicht einmal mehr jemand da, dem man die Schuld geben kann. Man selbst ist gefordert und muss beweisen, dass man es kann! Einige bekommen dann auch einen Wutanfall auf sich oder das Kajak und weigern sich, weiterzufahren. Das Kajak wird dann mit einer langen Leine hinten an einem Erwachsenenkanadier festgebunden und mitgezogen. Der Kajakfahrer hat jetzt die Möglichkeit die Paddelschläge in Ruhe zu üben und sich mit der Physik vertraut zu machen: wenn ich rechts paddle, fährt das Boot nach links und umgekehrt. Meistens dauert es weniger als eine halbe Stunde, bis man das Kajak wieder losmachen kann. Der Fahrer ist jetzt geheilt und das Kajak „gezähmt", er kann das Boot nach seinen Wünschen dirigieren und genießt zur Belohnung dafür das schnelle und leichte Vorwärtskommen.

Gerade für Jungs mit „großer Klappe und nichts dahinter" bietet das Kanufahren eine kaum zu überbietende Korrekturmöglichkeit, weil Sport und Natur natürliche physikalische Grenzen und Gesetze schaffen, die nicht von den Erwachsenen ausgedacht wurden. Wer sich nicht daran hält, landet immer wieder im Gebüsch oder kentert sogar.
Damit sich etwas verändern kann, müssen eigene Schwächen und Ängste erst überwunden und gemeinschaftsfördernde Tugenden, wie Hilfsbereitschaft, Rücksichtnahme und Kooperationsfähigkeit ausgebildet werden. Viele Kinder haben das bisher noch nie so intensiv erlebt: wir brauchen einander und wir sind aufeinander angewiesen! Sie haben daher nur wenig soziales Potential in ihrem Leben ausgebildet. Bei der Kanutour merken sie dann aber nach und nach, dass keiner alleine steuern und vorwärts kommen kann, dass das Gepäck auf alle Boote verteilt werden muss, und dass keiner alleine das Zelt aufbauen oder für alle kochen kann. Dazu braucht es die Gruppe, die Gemeinschaft, die bereit ist, sich zu vertrauen, füreinander einzustehen und da zu sein.
Dadurch, dass die Kinder in ihren Booten ganz auf sich gestellt sind, lernen auch die anfangs Ängstlichen mit der Zeit auf ihre Kraft und Geschicklichkeit zu vertrauen. Ebenso werden die schnell Erschöpften und Bequemen, die sich sonst so gerne zurücklehnen und mitziehen lassen, so zu tüchtigen Vorder- oder Hintermänner, weil sie in den Booten einfach gebraucht und gefordert werden.

Nach so einem anstrengenden Paddeltag haben wir uns dann wirklich eine Stärkung verdient. Zuvor hat aber jeder Einzelne in der Gruppe noch täglich wechselnde, wichtige Aufgaben zu erledigen:
- Die Kanugruppe: Kanus ausladen, auf den Kies ziehen, festmachen und säubern,
- die Zeltgruppe: das große Zelt für alle aufbauen und die Isomatten auslegen,
- die Kochgruppe: für alle etwas Leckeres zubereiten, spülen und wieder aufräumen. Kässpätzle ist dabei unsere schwäbische Spezialität, die nicht fehlen darf!
Um unseren strapazierten Nerven wenigstens beim Essen etwas Ruhe zu gönnen, nehmen wir unsere Mahlzeiten meist schweigend im Kreis ein. Was für eine Wohltat! Jetzt hat jeder Zeit, kurz in sich zu gehen und über den Tag und all die kleinen und großen Erfolge nochmals für sich nachzudenken, das Essen richtig zu genießen und dabei zu fühlen, wie die Gruppe immer mehr zusammenwächst.

Das Schöne am Unterlauf des Allier ist, dass man praktisch überall am Fluss auf den Kies- und Sandbänken am Ufer oder gar auf einer kleinen Insel zelten und Feuer machen kann und weit und breit kein Verbotsschild, nicht einmal andere Paddler oder Fischer zu sehen sind (ganz im Gegensatz zu deutschen Flüssen)! 
Wenn alle Aufgaben erledigt sind, kann sich jeder Einzelne seinen Bedürfnissen hingeben. Ohne Zwang und Streit finden sich hier kleine Gruppen zusammen, die miteinander im Wasser plantschen, das Ufer erkunden, im Sand spielen, Steine suchen, Holz fürs Lagerfeuer sammeln, Tagebuch schreiben, sich ausruhen oder mit den Erwachsenen plaudern. So hat jeder Zeiten für sich und auch für die Gruppe.

Der Abend klingt dann bei Spielen, Liedern und Geschichten am Lagerfeuer aus.

In unserer großen, weinroten Kotha (einem tipi-ähnlichen Großzelt), eingehüllt in die Schlafsäcke, dichtgedrängt auf den Isomatten nebeneinander, schlafen wir dann alle gemeinsam nach einem erlebnisreichen Tag ein. Auch alle Betreuer!!! Für manch alten Klassenfahrt-Hasen unvorstellbar! 
Wo bleibt da aber die allabendliche Hatz zwischen Buben- und Mädchenzimmern, das Drohen und Lauschen an Zimmertüren und Zeltwänden? Und all die wichtigen pädagogischen Diskussionen bis in die Morgenstunden über Kinder, die sich nicht integrieren lassen wollen, wo bleibt das wohlverdiente Unter-sich-Sein bei Eis und Rotwein, mal ganz ohne Kinder? 
Bei uns hat sich das gemeinsame „Zubettgehen" seit Jahren bewährt, Geborgenheit und Wir-Gefühl treten an Stelle von Streit und Unstimmigkeiten. 
Am Allier haben wir sogar öfters nur unsere Zeltbodenplane als Tarp aufgebaut und mit den Isomatten einfach im weichen Sand gelegen, den Sternenhimmel über uns, Geräusche und Gerüche der Auenwälder um uns. Einfach traumhaft!

Gegen Ende der Fahrt wird dann alles leichter. Die Teams machen jetzt unaufgefordert und selbstständig ihre Arbeiten, darum geht es morgens und abends immer schneller, bis alles erledigt ist. Das Paddeln haben inzwischen auch alle raus und die Gruppe zieht sich nicht mehr kilometerweit auseinander. Und das Miteinander? Wir sind wirklich eine starke Gruppe geworden, die Gespräche werden immer offener, jeder hat geübt, mit seinen eigenen, wie auch mit den Schwächen und Stärken des anderen besser umzugehen, Probleme werden angesprochen und Lösungen gesucht und ausprobiert.

Wieder zu Hause angekommen, finden uns Eltern und Erzieher „reifer" geworden, die meisten Kinder haben an Gewicht ab-, an Körperkräften aber zugenommen!
Im Klassenzimmer begegnen wir uns jetzt anders, kennen uns viel besser, haben mehr Verständnis füreinander und sind Freunde geworden! So fällt auch das Lernen gar nicht mehr so schwer!

Was haben wir gesucht, was haben wir gefunden?
Grenzen
Erlebnisse
Abenteuer
Gemeinschaft
sinnvolles Tun
Selbstvertrauen
Erfolgserlebnisse
Herausforderungen
Erleben mit allen Sinnen
Team- und Gruppenfähigkeit
Vertrauen in die Umwelt und Natur
Vertrauen in mich und meine Stärken
Vertrauen in Menschen und Gemeinschaft

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Andea Nenning & Berthold Brommer Oktober 2009